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Academia Baltica gegründet

Baltische Rundschau Nr. 4, April 2002

Die neu gegründete in der Lübecker Altstadt beheimatete Academia Baltica (AB) versteht sich in der Tradition der Arbeit, die in vielen Jahren zuvor von der Ostsee-Akademie Travemünde geleistet wurde: Die Förderung der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den Ländern Ostmitteleuropas und zunehmend des skandinavischen Raumes.

Zur Gründung der AB war es gekommen, nachdem Streitigkeiten mit der Pommerschen Landsmannschaft über die Inhalte der Arbeit zu einem Bruch sowohl mit dem bisherigen Leiter der Ostsee-Akademie, Dr. Dietmar Albrecht, als auch mit den finanziellen Trägern der Arbeit, mit Bundes- und Landesministerien, gekommen war. Vor allem Äußerungen der Pommerschen Landsmannschaft gegen eine Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn Deutschlands und die damit zusammenhängende Infragestellung von bestehenden Grenzen hatten diesen Bruch provoziert.

Ein Förderverein, dem unter anderem die Deutsch-Baltische Landsmannschaft und das Thomas-Mann-Kulturzentrum Nida angehören, übernahm nun die Trägerschaft der AB, die Leitung liegt in den Händen von Dr. Dietmar Albrecht. Finanziell getragen wird die AB - zumindest in der Anfangsphase - von Mitteln des Bundes und des Landes Schleswig-Holstein. Im diesjährigen AB-Programm finden sich rund 50 Veranstaltungen mit Osteuropa- und Ostseeraum-Bezug, wie eine Tagung „Lettland in Europa“ im Mai und eine Reise „Jüdische Spuren in Litauen und Lettland“ im September. „Baltische Rundschau“-Mitarbeiter Heiko Stern hat mit Academia Baltica Direktor Dr. Dietmar Albrecht über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesprochen.

Man kann von einer Geburt der Academia Baltica sprechen, eigentlich von einer Art Wieder- geburt. Fühlen Sie sich als Gebärender?

Dietmar Albrecht: Soweit ein Mann ein Kind zur Welt bringen kann, fühle ich mich schon als Gebärender, denn dieses neue Kind ist unter schmerzhaften Wehen zur Welt gekommen. Aber das Produkt ruft nun große Genugtuung hervor.

Wird es im Vergleich zur Ostsee-Akademie spürbare Veränderungen geben?

Dietmar Albrecht: Ich hoffe, dass wir nun befreit sind vom alltäglichen Kleinkrieg, von der Forderung, Vertriebeneninteressen und Interessen von Funktionären der Vertriebenen immer stärker zu berücksichtigen. Wir können die Arbeit nun dynamischer und bei Einsatz sehr knapper personeller Möglichkeiten auch gezielter und konkreter und viel breiter entfalten. Davon verspreche ich mir gute Perspektiven. Auch der Umzug in die Lübecker Altstadt rückt uns viel näher an die hansische Tradition. Ich habe das Gefühl, dass sich auch daraus eine ganz neue Dynamik entwickeln wird.

Wo liegen die Schwerpunkte der Arbeit der Akademie?

Dietmar Albrecht: Unser Auftrag von seiten der Bundesregierung - und hinter ihr steht ja der Steuerzahler – ist, für gute Nachbarschaft zwischen den Deutschen und den Ländern im Osten zu sorgen. Wir haben dafür möglichst viele Interessenten zu gewinnen, Interessenten aus Deutschland, die auch bereit sind zu zahlen für die Seminare, die Begegnungen, die diesem Ziel folgen. Und wir werben die Mittel ein, damit möglichst viele Nachbarn, ohne in die eigene enge Tasche greifen zu müssen, an ihnen teilnehmen können. Das ist das wichtigste Ziel.

Wir werden in Deutschland weitere Kreise gewinnen und ihr Interesse wecken müssen für die Arbeit mit unseren östlichen Nachbarn, denn in Deutschland ist die Neugierde am Osten Europas und die Bereitschaft, sich dort auch zu engagieren, immer noch verhältnismäßig gering.

Wenn Sie vom Osten Europas sprechen, an welche Länder denken Sie dabei am ehesten?

Dietmar Albrecht: Ja, unsere nächsten Nachbarn sind naturgemäß Polen und auch Tschechien, aber darüber hinaus die drei baltischen Republiken, und gerade Litauen in Verbindung mit dem Königsberger Gebiet und dem südlichen Ostpreußen liegt uns besonders nahe. Denn in dieser Region des alten Preußen entfaltet sich eine transnationale Gemeinsamkeit von Litauern, Russen, Polen und Deutschen, die für Europa zukunftsweisend sein kann. Ich glaube, da skizziere ich die Perspektive in die Zukunft richtig.

Darüber hinaus wollen wir aber in wachsendem Maße die Staaten des Nordens interessieren für den Süden und den Osten der Ostsee. Ich hoffe, wir können in diesem Gebiet verstärkt arbeiten, denn die Skandinavier und vor allem die Finnen haben wichtige Aufgaben in der Nachbarschaft mit den baltischen Staaten, mit den nördlichen Wojwodschaften Polens und mit der sehr schwierigen Kaliningrader Oblast, die zum schwarzen Loch hier in der Mitte Europas zu werden droht. Da werden wir uns alle noch verdammt anstrengen müssen.

Welche Partner haben Sie in Osteuropa? Sind es eher die gesellschaftlichen Eliten in diesen Ländern, mit denen Sie arbeiten wollen, auch im Sinne von Multiplikatoren, oder orientieren Sie sich an allgemein Interessierten?

Dietmar Albrecht: Ich halte nicht soviel von verkopfter Arbeit, denn da weiß schon immer jeder vom anderen, was er sagen wird. Die Eliten verkehren ohnehin miteinander. Sie sind oft recht abgehoben. Ich möchte über die mittlere Ebene, und das sind etwa Schulleiter von Dorfschulen oder Leiter von kleinen Museen, die Menschen vor Ort erreichen. Ich möchte zur unteren Ebene hinunter, soweit es geht und soweit es auch finanziell vertretbar ist.

Mit welchen Institutionen, Netzwerken und sonstigen Partnern wollen Sie zusammenarbeiten?

Dietmar Albrecht: Ein lieber und vertrauter Partner ist das Thomas-Mann-Kulturzentrum in Nidden. Wir haben etliche Begegnungen bereits in Nidden durchgeführt, nicht nur zwischen Deutschland und Litauen, Polen und der Kaliningrader Oblast, sondern auch mit den skandinavischen Nachbarn. Dies wird sich verstärken.

Dazu kommen die Kulturvereinigung Borussia in Allenstein und Einrichtungen in Königsberg. Dies wird ein Schwerpunkt sein. Wir hoffen auch die lettischen und estnischen Nachbarn zu gewinnen für diese gemeinsame Arbeit vor Ort, etwa auf der Nehrung in Nidden oder in den benachbarten Regionen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Arbeit mit dem westukrainischen Nachbarn, der etwas verloren, etwas heimatlos in Europa lebt, und auch mit dem tschechischen und slowakischen Nachbarn.

Wo liegen die Ziele der Tätigkeit der Academia Baltica, auch aus Ihren persönlichen Wünschen heraus?

Dietmar Albrecht: Wir möchten helfen, dass die Menschen überall, wo sie seit dem letzten Krieg wohnen, Wurzeln schlagen, sich sicher fühlen, eine Heimat haben. Es gab eine riesige, oftmals blutige Völkerwanderung in Europa, die zu großer Unruhe und Unsicherheit geführt hat.

Ich habe das Gefühl, dass in den Gebieten, wo die Menschen ausgewechselt wurden, immer noch eine große Geschichtslosigkeit und auch Heimatlosigkeit herrschen. Wir wollen, dass alle Menschen dort Sicherheit gewinnen, wo sie leben. Das ist Sicherheit von unten, die dauerhafter ist als alle politische oder militärische Sicherheit von oben.

Das Gedächtnis der Zeit und des Raumes mit dem eigenen Leben zu verbinden, das ist etwas, bei dem wir in allen diesen Regionen helfen wollen. Ich sehe das als eine ganz wichtige europäische Aufgabe der Zukunft, gerade angesichts der jüngsten weltpolitischen Entwicklungen.

Wie sind Sie selbst zu dieser Arbeit gekommen, wie wird man sozusagen Spiritus Rector der Academia Baltica?

Dietmar Albrecht: Ich habe es mit dem Osten. Ich war im Fernen Osten, in China. Von dort habe ich historische Gelassenheit und auch die Fähigkeit mitgebracht, sich neben Europa zu stehen und sich selbst zu beobachten. Die biographisch, emotional, irrational und seelisch bedingte Liebe zum Osten verbinde ich mit dem, was ich in den zehn Jahren in und mit China gelernt habe.

Gerade in Litauen stößt dies auf eine seltsame Verwandtschaft, vielleicht weil Litauen noch in großen Teilen eine agrarische, archaische Gesellschaft ist. Das Verständnis für den Osten ist den Deutschen mit dem Verlust der Ostgebiete gleichfalls verloren gegangen. Aber dies ist ein Beitrag, den die Deutschen in ihrer Mittellage leisten müssen. Die Chance dazu haben wir in diesen Jahren.

Diese Chance wird nicht auf unabsehbare Zeit bestehen bleiben, das Pendel der Geschichte schlägt weiter, und wir müssen in diesen Jahren, die wir überschauen können, den Menschen Sicherheit geben und unfriedliche Entwicklungen in der Zukunft nach Möglichkeit vermeiden helfen. Das ist eine Aufgabe, die füllt ein Leben aus und die wird mir auch weiterhin Freude machen.