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“Academia Baltica” gegründet: Neue Impulse für den Ostseeraum

Flensburger Tageblatt vom 3. Dezember 2001

Lübeck/Flensburg

Wolf Gehrmann

Mit einer internationalen Auftaktveranstaltung im Bürgerschaftssaal des Lübecker Rathauses nimmt heute die neu gegründete “Academia Baltica” offiziell ihre Tätigkeit auf. Vertreter aus 60 Instituten, Stiftungen und Vereinen der Ostseeregion, der Ukraine und Tschechiens folgten der kurzfristigen Einladung zu einem Willy-Brandt-Symposium nach Lübeck. Faktisch wird die “Academia Baltica” die Nachfolge der Ostsee-Akademie aufnehmen und deren ursprüngliche Arbeit fortsetzen.

Der Streit mit der Pommerschen Landsmannschaft um die inhaltliche Ausrichtung der Ostsee-Akademie in Lübeck-Travemünde hat damit ein Ende gefunden. Der bisherige Förderverein hatte zusammen mit anderen Institutionen wie der Deutsch-Polnischen Gesellschaft, der Europa-Union, der Deutschen Auslandsgesellschaft, der Deutsch-Baltischen Landsmannschaft und der Fachhochschule Lübeck am 24. September die neue “Academia Baltica” in Lübeck gegründet.

Geschäftsführendes Vorstandsmitglied und Direktor der “Academia Baltica” ist Dr. Dietmar Albrecht, früherer Direktor der Ostsee-Akademie. An seiner Entlassung hatte sich der Streit um die politische Ausrichtung der alten Ostsee-Akademie entzündet. Land und Bund hatten ihre Zuschüsse gestrichen. Sie befürchteten einen zu großen Einfluß der Trägerin, der Pommerschen Landsmannschaft. Diese bekenne sich zu Äußerungen, die einer Aussöhnung entgegenwirke und Grenzen in Frage stelle (wir berichteten).

Für Albrecht ist mit der Neugründung eine Fortführung seiner erfolgreichen verständigungspolitischen Bildungsarbeit mit den Nachbarn im Ostseeraum möglich.

Etwa 2,35 Millionen Mark (1,2 Millionen Euro) werde Berlin der “Academia Baltica” als Anschubfinanzierung für 2002 gewähren. Dies habe er aus dem Haushaltsausschuss erfahren, so Albrecht gegenüber unserer Zeitung. Die Unterstützung sei “sehr großzügig” und zugleich ein “deutlich positives Signal” der Anerkennung der bisherigen Arbeit. Übertrifft die Summe doch den bisherigen Förderbeitrag für die alte Ostsee-Akademie um gut 100 000 Euro.

Da die von der Kieler Landesregierung zurückgehaltenen Gelder für die neue “Academia Baltica” sofort zur Verfügung stehen und eine jährliche Förderung von 270 000 (138 000 Euro) Mark signalisiert ist, kann der Neustart beginnen. “Wir fangen ja wieder vom Nullpunkt an”, sagt Albrecht, der jetzt seine früheren Mitarbeiter einstellen will.

Als Quartier bezieht die “Academia Baltica” mehrere Räume in einem Kaufmannshaus in der Lübecker Altstadt. “Wir wollten unbedingt in Lübeck bleiben”, sagt Albrecht. Einziges Manko: Die neue Bleibe hat keine Unterkünfte. Veranstaltungen werden auch in der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte in Malente und der Akademie Sankelmark ausgerichtet. “Wir müssen tingeln gehen”, sagt Albrecht. Dies sei aber kein Nachteil. Rund ein Drittel der drei Dutzend Projekte im nächsten Jahr finden im Ausland statt. Ein thematischer Schwerpunkt der Veranstaltungen ist Polen sowie die südöstliche Ostseeregion. Im Blick hat Albrecht auch die stärkere Einbindung der skandinavischen Länder.

Vielleicht wird die “Academia Baltica” in absehbarer Zeit institutionell und unter einem Dach mit einem künftigen Willy-Brandt-Zentrum verbunden sein. Bundeskanzler Gerhard Schröder persönlich habe sich schon in einem Brief für ein solches Zentrum in Lübeck ausgesprochen, so Albrecht. Brandt verkörpere durch seine Flucht über die Ostsee nach Skandinavien, seine Ost-Politik als Bundeskanzler und seine Haltung zur Einheit Europas und zur deutschen Einheit viele Themen der Akademie.

Dietmar Albrecht sieht in der heutigen Festveranstaltung eine internationale Kontaktbörse in Sachen Völkerverständigung. “Wir müssen viele Steine ins Wasser werfen. Die ziehen Kreise”, sagt Albrecht – für ein “tragfähiges Mosaik, das Sicherheit von unten schafft”.

Die 1988 gegründete alte Ostsee-Akademie wird von der Pommerschen Landsmannschaft weitergeführt. Wegen der Streichung der öffentlichen Gelder aber mit stark reduziertem Veranstaltungsprogramm.