Startseite

Ein Sieg der Zukunft

Hamburger Abendblatt 3. Dezember 2001

 

NEUGRÜNDUNG
Warum in Lübeck die neue Academia Baltica entsteht.

Ulf B. Christen
Lübeck

Im Lübecker Rathaus feiern heute mehr als dreihundert Gäste einen Sieg der Zukunft über die Vergangenheit. Mit einem Festakt wird die “Academia Baltica” eröffnet. Die neue Akademie tritt nach einer wahren Schlammschlacht die Nachfolge der alten “Ostsee-Akademie” an, die von der Landsmannschaft Pommern ins politische Abseits geführt wurde.

“Die alte Akademie ist tot”, sagt der Leiter der neuen Akademie, Dietmar Albrecht. Fröhlich klingt er nicht, eher trotzig und traurig. Der 60 Jahre alte Sinologe beerdigt schließlich ein Stück seines Lebenswerks. Vor zehn Jahren hatte er die Leitung der damals jungen Ostsee-Akademie übernommen und die Bildungsstätte in Lübeck-Travemünde zu einem Zentrum der Versöhnung auch zwischen Polen und Pommern gemacht. Vor gut einem Jahr kam die Kündigung. Dann das Hausverbot.

“Die Landsmannschaft wollte nach einem Rechtsruck im Vorstand die Akademie nicht so fortführen”, sagt Albrecht und plaudert aus dem pommerschen Nähkästchen. Mal duldeten Funktionäre demnach auf einer Veranstaltung perfide Plakate (“Volksvertreter / Vertriebenenverräter”), mal machte jemand Front gegen die deutsch-polnische Grenze. Für andere Pommern sei die Akademie, die auf einer Anhöhe über dem Skandinavienkai liegt, der “Polenhügel” oder gar “Polackenhügel” gewesen. Albrechts Analyse: “In einer kleiner werdenden Landsmannschaft wächst Wagenburg-Mentalität.”

Der Vorstand der Landsmannschaft schießt zurück. “Das ist eine üble Kampagne”, sagt die Vize-Sprecherin und CDU-Bundestagsabgeordnete Susanne Jaffke. “Wir sind weder verständigungsfeindlich noch rechtsradikal”, betont ihr Vorstandskollege Klaus Moerler. Die perfiden Plakate seien das Werk von “Einzelgängern”. Und auch der Vorwurf, er selbst habe die Ostgrenze in Frage gestellt, sei Quatsch. Er sei nur enttäuscht, dass die Grenze nach der Wende nicht “aufgeweicht” worden sei. Der Rauswurf Albrechts habe mit Politik nichts zu tun. Der Akademieleiter sei “unredlich mit Geld umgegangen”.

Albrecht bestreitet das energisch. Der Kündigungsprozess endete mit einem Vergleich. Politisch haben die Pommern längst verloren. Selbst der schleswig-holsteinische Landtag forderte, Albrecht wieder einzustellen. Zudem sperrte das Land seine Zuschüsse für die alte Akademie. Gemeinsam mit dem Bund versuchte man, weitere Träger für die Bildungsstätte zu finden. Vergeblich.

Albrecht kümmerte sich derweil um die Zukunft. Im September gründete sich die Academia Baltica. Hauptziel ist die Aussöhnung mit polnischen und tschechischen Nachbarn. Wir setzen die Tradition der alten Ostsee-Akademie fort”, sagt Albrecht. Das Land hat seine Zuschüsse (200 000 Mark) schon auf die neue Akademie übertragen, vom Bund erhofft er sich jährlich zwei Millionen. Und seine alten Mitarbeiter will Albrecht auch wieder einstellen.

Was der neuen Akademie fehlt, sind die Tagungsräume. “Wir müssen tingeln”, sagt Albrecht. Er will nicht ausschließen, dass er in zwei bis drei Jahren mit seiner Academia Baltica in die Ostsee-Akademie einzieht. Die Landsmannschaft Pommern beeindruckt das nicht. Sie will auf dem Hügel eigene Bildungsangebote machen, sich keinesfalls vertreiben lassen.

Albrecht denkt nach vorn. Es gebe viele Heimatvertriebene, die der Zukunft zugewandt seien, sagt er. Etwa die Deutsch-Baltische Landsmannschaft. Sie ist Mitgründerin der Academia Baltica und feiert heute im Lübecker Rathaus mit.