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“Wir stellen uns zu jenen, denen Europa am Herzen liegt”

 

Lübecker Nachrichten 4. Dezember 2001

Die nach den Querelen um die Travemünder Ostsee-Akademie neugegründete Academia Baltica hat gestern offiziell ihre Arbeit aufgenommen. Zum Festakt im Lübecker Rathaus erschienen 300 Gäste aus dem In- und Ausland, darunter Politiker von Bund, Land und Stadt.

Die Programmatik der neugegründeten Academia Baltica:

“Wir stellen uns zu jenen, denen Europa am Herzen liegt”
 

Von Curd Tönnemann

“Ich bin tief beeindruckt von der Resonanz”, sagte Dr. Herbert Gienow (Essen), Vorsitzender der Academia Baltica, im überfüllten Bürgerschaftssaal. Gienow begrüßte unter anderem Gäste aus Finnland, Ungarn und der Ukraine. “Wir wollen an die Arbeit der Ostsee-Akademie anknüpfen – mindestens so erfolgreich”, kündigte der Vereinsvorsitzende an und warb sogleich um finanzielle Hilfe: “Wir brauchen das Engagement von Bund, Land, aber auch von privater Seite”, erklärte Gienow, denn die neue Akademie solle “zu einem europäischen Forum” werden. Ziel der Einrichtung sei es, “das gemeinsame historische Gedächtnis im Ostseeraum zu pflegen und Versöhnung zu stiften”.

Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) sagte, die Akademie passe zu Lübeck, “da sie den Geist von drei Nobelpreisträgern der Stadt, Thomas Mann, Willy Brandt und Günter Grass, aufnimmt”. Und in Anspielung auf die Auseinandersetzungen mit der alten Ostsee-Akademie, der wegen befürchteter revanchistischer Tendenzen die Förderung von Bund und Land entzogen worden war, forderte Saxe: “Die neue Akademie darf nicht das Trennende betonen.” Ihr Auftrag müsse “eine wissenschaftliche Bildungsarbeit für Frieden und Verständigung” sein. Vor diesem Hintergrund “hat Deutschtümelei in Lübeck keinen Platz”, formulierte er. Saxes ausdrücklicher Dank ging an Dr. Dietmar Albrecht, den gefeuerten Leiter der alten Ostsee-Akademie und nunmehr neuen Leiter der Academia Baltica: Dank, an der Grundidee der Ostsee-Akademie “trotz Ressentiments und mancher Demütigung” festgehalten zu haben.

Schleswig-Holsteins Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) erinnerte an das zehnjährige Jubiläum der Travemünder Einrichtung und sagte mit Bitterkeit im Unterton: “Das Haus hat bis dahin viel geleistet.” Aber solche Versöhnungsleistungen seien keine befristeteten Angelegenheiten. “An Versöhnung muss weitergesponnen, muss weitergearbeitet werden”, so die Ministerin. Die erfolgreiche Arbeit sei in Gefahr gewesen. “Es liegt eine respektable Wegstrecke hinter uns, aber auch eine enttäuschende, eine verletzende”, resümierte Erdsiek-Rave die fruchtlosen Bemühungen ihres Ressorts, die von der Pommerschen Landsmannschaft getragene Travemünder Einrichtung zur Kurskorrektur zu bewegen. “Eine faire Partnerschaft war unter dem alten Dach der Akademie nicht mehr möglich. Ich bin daher glücklich über diesen Neuanfang”, erklärte Erdsiek-Rave.

“Es gibt kein Erbe ohne einen Toten” – mit diesem drastischen Wort begann der Berliner Historiker Prof. Arnulf Baring seine Gastrede. Und er erläuterte: “Bei den schmerzhaften Übergängen von alter zu neuer Akademie haben doch alle etwas verloren, vor allem die Pommersche Landsmannschaft.” Ausdrücklich dankte Baring Günter Grass, “dass er bei diesem schweren Erbgang erfolgreich mitgeholfen hat”. Dr. Cornelie Sonntag-Wolgast, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesinnenministerium, forderte angesichts der finanziellen Hilfe des Bundes, dass ein erfolgreicher Dialog Brücken schlagen müsse von der Gegenwart zur Zukunft. “Für ein Zusammenwachsen der Nationen brauchen wir Visionen”, verlangte sie.

Der neue Akademieleiter Dietmar Albrecht verzichtete in seiner Antrittsrede auf jegliche Abrechnung mit seinem alten Arbeitgeber. “Die Solidarität der Mitbürger ist ein Kapital, von dem sich zehren lässt”, sagte er lediglich. Und gab als Parole aus: “Wir stellen uns zu jenen, denen Europa am Herzen liegt!”



Hintergrund

Die Academia Baltica ist am 24. September in Lübeck gegründet worden. Gründungsmitglieder und Träger sind die Deutsche Auslandsgesellschaft in Lübeck, die Deutsch-Polnischen Gesellschaften in Berlin, Hamburg und Kiel, die Deutsch-Baltische Landsmannschaft, die Europa-Union Schleswig-Holstein, die Fachhochschule Lübeck, das Institute for European Affairs in Düsseldorf, das Thomas-Mann-Kulturzentrum in Nidden, das Adalbertus-Werk / Bildungswerk Danziger Katholiken und der Verein zur Förderung der Academia Baltica. Mit Seminaren und Begegnungen will die Akademie das Wissen über Kultur und Geschichte im Osten Europas erweitern und die Aussöhnung mit polnischen und tschechischen Nachbarn fördern. Bund und Land haben zugesagt, die ursprünglich für die Ostsee-Akademie in Travemünde vorgesehene Förderung in Höhe von insgesamt rund 1,2 Millionen Mark (rund
613 000 Euro) der Academia Baltica zur Verfügung zu stellen. Die neue Bildungseinrichtung hat ihren Sitz in der Lübecker Mengstraße 31. Im Internet: www.academiabaltica.de