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Auf der Suche nach guter Nachbarschaft Die Academia Baltica auf der Spur der Ostsee-Akademie

Neue Zürcher Zeitung, Ressort Spektrum Deutschland (Internationale Ausgabe), 7. Juni 2002, Nr.129

Von Jürgen Tietz*

Unter nicht geringen Schwierigkeiten hat sich die Academia Baltica in Lübeck als Nachfolgeorganisation der Ostsee-Akademie etabliert. Mit einem umfangreichen geographischen und thematischen Angebot versucht die Akademie, einen Beitrag zur Verständigung zwischen den Deutschen und den Bewohnern der ehemaligen deutschen Gebiete in Ostmitteleuropa zu leisten.

Pegasus, das geflügelte Pferd, soll der Academia Baltica den Weg weisen: «Ad astra volandum». So steht es unter dem Wappen, das sich Dietmar Albrecht, Leiter der im Dezember 2001 gegründeten Akademie im Ostseeraum, bei Christoffel von Grimmelshausen entliehen hat. «Auf zu den Sternen» - das ist kein leichtes Unterfangen. Schliesslich ist der Vorläuferorganisation der Academia Baltica, der Ostsee-Akademie, auf halber Strecke der Atem ausgegangen. Dabei hatte die Ostsee-Akademie schon bald nach ihrer Gründung 1988 als ein Projekt mit Modellcharakter gegolten. Eine besondere Bedeutung kam ihr durch die enge Verflechtung mit der Pommerschen Landsmannschaft zu, einer der deutschen Vertriebenenorganisationen. Tagungsort der Seminare der Ostsee-Akademie war das Pommernzentrum bei Travemünde, dessen aufwendiger Ausbau mit etlichen Steuermillionen gefördert worden war.

Krieg und Vertreibung
Die Aufarbeitung der durch Krieg und Vertreibung besonders schwierigen Geschichte zwischen den Deutschen und ihren Nachbarn in Ostmitteleuropa wurde durch zahlreiche Seminare und Reisen der Ostsee-Akademie zu einer international anerkannten aktiven Versöhnungsarbeit. Nicht zuletzt durch das Verschwinden des Eisernen Vorhangs 1989 bekam ihre Arbeit zusätzliches Gewicht verliehen, rückten die Länder Ostmitteleuropas doch nun stärker in den Blickwinkel der deutschen Öffentlichkeit.

Doch die Fortsetzung der erfolgreichen Arbeit der Ostsee-Akademie wurde durch eine üble Provinzposse an der Ostseeküste zunächst unmöglich gemacht: Sie begann mit der Kündigung Dietmar Albrechts, damals Leiter der Ostsee-Akademie, durch die Pommersche Landsmannschaft unter fadenscheinigen Gründen. Allerdings erwies sich die Kündigung letztlich als ein Fehlschlag für die Pommern, löste sie doch eine Welle internationaler Empörung aus. In der Folge drehten die wichtigsten Geldgeber der Akademie, das Bundesland Schleswig-Holstein und das Bundesinnenministerium, 2001 den öffentlichen Geldhahn zu, die Arbeit der Ostsee-Akademie kam nahezu zum Erliegen. Doch die Gefahr des Scheiterns der Versöhnungsarbeit, die die Akademie begonnen hatte, ist gebannt. Die neue Academia Baltica, nun mit Sitz in Lübeck, jedoch ohne eigenes Veranstaltungszentrum, führt den eingeschlagenen Weg inhaltlich fort. Zusätzlich ist ihre Einbindung in das von Günter Grass unterstützte Lübecker Willy-Brandt-Haus im Gespräch, das sich derzeit in Gründung befindet.

Für ihren Seminarbetrieb stehen der Academia Baltica derzeit 440 000 Euro Förderung vom Bund zur Verfügung, deutlich weniger als der alten Ostsee-Akademie. Hinzu kommen die selbständig erwirtschafteten Einnahmen der Akademie aus den Beiträgen der Seminarteilnehmer und aus Spenden sowie die Förderung durch das Land Schleswig-Holstein, die mit 137 000 Euro gleich hoch geblieben ist. Doch während die Finanzierung der alten Akademie über einen festen, institutionellen Haushalt erfolgte, ist sie nun an die Förderung einzelner Projekte gebunden. Problematisch ist auch die Förderungspraxis des Bundesinnenministeriums. Die Mittel des BMI, die aus dem Topf «Beitrag der Vertriebenen zur Verständigung mit den östlichen Nachbarn Deutschlands» stammen, sind an eine Teilnahme von Vertretern der Vertriebenen auf dem Podium gebunden. Dies interpretiert das BMI allerdings einseitig als Teilnahme von Vertretern aus den Vertriebenenorganisationen - angesichts der Erfahrung mit der Pommerschen Landsmannschaft eine nur schwer nachvollziehbare Haltung.

Dabei sind Ziele und Wirkungsbereich der Academia Baltica gemäss ihrer Satzung weiter gefasst. Die Akademie widmet sich der Pflege der «Geschichte und Kultur der Heimat- und Siedlungsgebiete der Deutschen im Norden und Osten Europas als ein Beitrag der Deutschen, die diesen Gebieten nach Herkunft und Bewusstsein verbunden sind, zu guter Nachbarschaft».

Im Dienste der Verständigung
Für Albrecht ist es dabei ein besonderes Anliegen, über die Verständigung zwischen den Deutschen und ihren Nachbarn hinaus zu einem offenen Dialog zu gelangen, in dem auch Fragen der Identitätsstiftung in den Nachbarländern erörtert werden. Dies erscheint umso wichtiger, als in der postkommunistischen Ära der Prozess der nationalen Selbstfindung und der Beantwortung der Frage nach der «Verwurzelung in Zeit und Raum» in einigen ostmitteleuropäischen Ländern noch längst nicht abgeschlossen ist. So deckt die Academia Baltica mit ihren Seminaren und Reisen nicht nur ein weites geographisches Spektrum ab, das von Finnland bis zur Ukraine reicht.

Sie widmet sich auch den unterschiedlichsten Themenbereichen, wie das Programm für 2002 dokumentiert. Die Veranstaltungen umfassen Dichterlesungen in Lübeck ebenso wie den Jugendaustausch oder ein Seminar in Litauen über «Orte des Kriegsendes 1945». Selbst brisante Themen werden nicht ausgespart, wie etwa zur «Geschichte Estlands zwischen 1939 und 1953» (November 2002) oder über «Gestürzte Denkmäler, gebrochene Erinnerungen», womit das «Selbstbewusstsein von Gesellschaften im Umgang mit den Sinnbildern der Vergangenheit» befragt werden soll (Dezember 2002). Der Weg zu den Sternen ist zwar auch für die Academia Baltica noch weit, gleichwohl kommt sie auf dem nicht minder schwierigen Weg der kulturellen und menschlichen Verständigung gut voran - hin zu guter Nachbarschaft in Ostmitteleuropa. (Das Programm der Academia Baltica ist unter www.academiabaltica.de zu erfahren).

* Der Autor ist Kunsthistoriker in Berlin.