Startseite

Von der Ostsee-Akademie zur Academia Baltica

Lübeckische Blätter 8. Dezember 2001

Feierlicher Gründungsakt im Bürgerschaftssaal des Lübecker Rathauses

Die Leser der “Lübeckischen Blätter” haben die Auseinandersetzungen um die Ostseeakademie in Travemünde im Detail verfolgen können. Zur Erinnerung: Für die Pommersche Landsmannschaft hat Klaus Moerler seine Sicht der Dinge dargestellt, für die Akademie der am 31. März 2001 ausgeschiedene Direktor, Dietmar Albrecht. Hintergrundinformationen, Kommentare und Stellungnahmen kamen von Heiko Hoffmann, dem ehemaligen Justizminister und Vorstandsmitglied im Förderverein der Ostseeakademie, von Renate Groepel, MdL, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im schleswig-holsteinischen Landtag, und Martin Thoemmes, einem früheren Mitarbeiter der Ostsee-Akademie, der das Thema auch in der FAZ platzierte und damit für bundesweite Resonanz sorgte (Hefte 8, 9, 12 und 13/01). Der Autor dieses Artikels ist stellvertretender Vorsitzender der Academia Baltica und Präsident der Deutschen Auslandsgesellschaft, einer Mittlerorganisation des Auswärtigen Amtes mit Sitz in Lübeck. Arbeitsschwerpunkt der Gesellschaft ist die Fortbildung von Deutschlehrern aus den skandinavischen und baltischen Ländern, aus Polen und der russischen Region Kaliningrad. Mit der Ostsee-Akademie war sie durch gemeinsam durchgeführte Veranstaltungen partnerschaftlich verbunden.


Der gemeinsame Weg von Landsmannschaft und Ostsee-Akademie

Eigentlich handelt es sich um eine unglaubliche Geschichte. Ein kurzer Rückblick mag dies verdeutlichen. Von einer “Wirklichkeit gewordenen Utopie” war im September 1988 die Rede, als in feierlichem Rahmen der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker die Ostseeakademie ihrer Bestimmung übergab. Zwanzig Millionen Mark hatten Bund und Land aufgewendet, um im Pommernzentrum ein Denk- und Diskussionsforum einzurichten, das einen Beitrag leisten sollte zur Überwindung der Teilung Deutschlands, zur Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen, zu einem friedlichen Miteinander in der Mitte Europas, im Ostseeraum. Zu diesem Zeitpunkt blickte man vom Ort des Geschehens noch auf die Demarkationslinie zwischen den beiden deutschen Staaten jenseits der Trave; der politische Umbruch in Europa aber war in vollem Gange, vollzog sich unaufhaltsam. Zehn Jahre später schien sich das damals geprägte Wort von einer Realität gewordenen Utopie bestätigt zu haben: Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten war vollzogen, der von der Sowjetunion beherrschte Ostblock war zerbrochen, unabhängige Staaten hatten sich gebildet und demokratische Ordnungen gegeben. In Travemünde trafen sich aus Anlass des zehnjährigen Geburtstages der Akademie Vertreter aus dem Norden, Osten und der Mitte Europas, um Bilanz zu ziehen. Die Rednerliste verzeichnete, um nur einige Namen zu nennen, den damaligen Bundespräsidenten, Roman Herzog, den früheren polnischen Außenminister, Senator Władisław Bartoszewski, den finnischen Botschafter Antii Karppinnen, die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin, Heide Simonis.

Sie alle sprachen der Akademie große Anerkennung für die geleistete Arbeit aus, lobten ihr Engagement für einen Weg zu friedlichem Miteinander, hoben vor allem den Anteil des Präsidenten, Philipp von Bismarck, und des verantwortlichen Direktors, Dietmar Albrecht, hervor. “Die Pommersche Landsmannschaft”, so schloss der Bundespräsident damals seine Ausführungen, “hat als Trägerin dieser Akademie eine wegweisende Aufgabe übernommen. Die Art, wie die Ostseeakademie ihren schwierigen Auftrag erfüllt, findet über Partei- und Staatsgrenzen hinweg Anerkennung. Was Sie hier mit einem sehr kleinen Mitarbeiterstab tun, ist für das europäische Miteinander im Ostseeraum und in Osteuropa von hoher politischer Bedeutung. Ich beglückwünsche Sie dazu und wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute.”


Die Wege von Landsmannschaft und Akademie trennen sich

Es sollte nicht lange dauern, bis sich der schöne Eindruck einer gemeinsamen Zielsetzung von Landsmannschaft und Akademie als Illusion erwies. Was bei landsmannschaftlichen Treffen längst Gesprächsstoff war - eine tiefe Unzufriedenheit mit dem auf Ausgleich und Verständigung gerichteten Kurs der Akademie - wurde offenkundig. Der erste Schritt war die Abwahl des langjährigen Sprechers der Landsmannschaft, Günter Friedrich, der nächste der Rücktritt seines Nachfolgers, Wolfgang Müller-Michaelis, nach nur einjähriger Amtszeit. Dieser, wie sein Vorgänger engagiertes Mitglied der Landsmannschaft seit vielen Jahren, gab mit dieser  Entscheidung demonstrativ seinem Protest gegen die zunehmend einseitig verbandspolitische Ausrichtung im Vorstand der Pommerschen Landsmannschaft Ausdruck. Damit aber machte er zugleich den Weg frei für eine neue Führungsriege. Diese, angeführt vom bisherigen stellvertretenden Sprecher, Klaus Moerler, und der Bundestagsabgeordneten Susanne Jaffke, sollte seine Befürchtungen schnell bestätigen. Insbesondere Klaus Moerler hatte sich wiederholt politisch eindeutig geäußert, u.a. in der “Pommerschen Zeitung”, dem Verbandsorgan der Landsmannschaft. In einem 1996 erschienenen Beitrag mit dem Titel “Hat Pommern Zukunft?” veröffentlichte er sein politisches Credo zu den deutsch-polnischen Beziehungen: “Mit dem Zerfall des Eisernen Vorhangs ist die Oder-Neiße-Grenze nicht etwa brüchiger geworden, sie hat sich vielmehr verfestigt, indem sie durch Verzichterklärungen deutscher Politiker ihren seinerzeitigen Charakter als vorläufige Verwaltungsgrenze verloren hat und stattdessen ihr Unrechtscharakter durch eine Bundestagsmehrheit formal legitimiert wurde.” Als Moerler im Januar diesen Jahres, als die Auseinandersetzungen um die Ostsee-Akademie ihren Höhepunkt erreicht hatten, von einem Redakteur der “Lübecker Nachrichten” mit dieser Aussage konfrontiert wurde, bestätigte er nochmals seine Überzeugung: “Zwar relativiert die Zeit einige Dinge. Aber ich stelle das nicht in Frage” (LN vom 14. Januar 01).

Dieser Mann war es, der nun nach dem Rücktritt von Müller-Michaelis als Sprecher der Landsmannschaft fungierte. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Kündigung des Leiters der Ostsee-Akademie. Als Begründung wurden verwaltungstechnisch-organisatorische Differenzen zwischen Landsmannschaft und Akademieleitung, haushaltsrechtliche Verstöße und unzulässig-eigenmächtige Amtsführung des Direktors genannt. Der Gekündigte, Dietmar Albrecht, erhob Einspruch, wies die gegen ihn gerichteten Vorwürfe zurück, vermutete politische Gründe, die ihn zur persona non grata gemacht hätten. Dagegen wiederum verwahrten sich die neuen Sprecher der Landsmannschaft, betonten, dass ausschließlich sachliche Erwägungen die Trennung vom Akademieleiter unumgänglich gemacht hätten und versicherten nachdrücklich ihre Entschlossenheit, den Versöhnungskurs der Akademie fortzusetzen.

Der Eklat war da. Der Streit eskalierte, Bund und Land schalteten sich ein, Gerichte wurden bemüht. Die Leser der “Lübeckischen Blätter” kennen das Ergebnis: Mit dem 31. März 2001 wurde der Arbeitsvertrag zwischen der Trägerin der Ostsee-Akademie, der Pommerschen Landsmannschaft, und ihrem Angestellten, Dietmar Albrecht, beendet. War damit auch das Ende der versöhnungspolitischen Arbeit in der Akademie gekommen?


Vergebliche Einigungsbemühungen - eine unglaubliche Geschichte

Die Kündigung des international hoch angesehenen Leiters der Ostsee-Akademie durch die Landsmannschaft hatte sehr schnell zu Reaktionen geführt. Den ersten Protest formulierte das Kuratorium der Ostseeakademie, ein Gremium zwar nur mit beratender Funktion, aber ausgewiesen durch die Besetzung mit namhaften Repräsentanten aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens. An die Landsmannschaft erging die Aufforderung, die Kündigung Albrechts, “fadenscheinig begründet und unter würdelosen Begleitumständen entstanden”, sofort zurückzunehmen und Schritte einzuleiten, um die institutionelle Grundlage der Akademie auf eine breitere Basis zu stellen. Das war im Oktober 2000.

Fast gleichzeitig bildete sich eine “Initiative zur Rettung der Ostsee-Akademie”. In einem offenen Brief, namentlich gerichtet an Bundesinnenminister Schily und die schleswig-holsteinische Kultusministerin Erdsiek-Rave, gab sie ihrem Protest gegen das Vorhaben der Landsmannschaft Ausdruck: “Wir verfolgen bestürzt”, hieß es dort, “wie der engstirnige Rückzug einer Landsmannschaft ins politische Abseits die Arbeit der Ostsee-Akademie gefährdet.” Unterschrieben war das Dokument von mehr als 50 Persönlichkeiten unterschiedlicher Orientierung, konservativ, liberal und progressiv. Erstunterzeichner waren Klaus von Sichart, Neckartenzlingen, Günter Grass, Lübeck, Dr. Inge Jens, Tübingen, Prof. Dr. Bernd Leistner, TU Chemnitz-Zwickau, Prof. Dr. Frido Mann, Göttingen, Prof. Dr. Dieter Rauschning, Human Rights Chamber, Sarajewo, und Staatssekretär a.D. Dr. Dieter Swatek.

Die Landsmannschaft zeigte sich unbeeindruckt. Bund und Land schalteten sich ein. Fördergelder wurden gesperrt. Im Mai 2001 befasste sich der schleswig-holsteinische Landtag mit dem Thema Ostsee-Akademie. In gleichlautenden Texten richteten alle Fraktionen einen Appell an die Regierungen in Land und Bund, “die der öffentlichen Förderung zugrunde liegenden Ziele gegenüber dem derzeitigen Träger der Akademie mit Nachdruck zu vertreten” und entsprechend der Empfehlung des Kuratoriums “die Trägerschaft der Akademie um öffentliche und private Institutionen aus Deutschland und den Anrainern der Ostsee” zu erweitern.

Die Regierung handelte auftragsgemäß. Gespräche mit dem Vorstand der Landsmannschaft wurden anberaumt, zunächst im Kultusministerium in Kiel, dann im Bundesinnenministerium in Berlin. Grundlage der Verhandlungen waren, wie vom Landtag gefordert, die Empfehlungen des Kuratoriums der Akademie. Es kam zu keiner Einigung. Die Vertreter der Landsmannschaft weigerten sich, einer Trägerschaft zuzustimmen, welche die Pommern als gleichberechtigt mit anderen Organisationen ausgewiesen hätte. Sie bestanden auf der Führungsrolle der Landsmannschaft. Auch der unmissverständliche Hinweis von Ministerin und Staatssekretärin, dass ohne eine Neuregelung der Trägerschaft Finanzmittel nicht mehr bereitgestellt werden könnten, bewirkte keine Einsicht. Die Sprecher Moerler und Jaffke lehnten ab, sprachen von einer “de-facto-Enteignung” der Landsmannschaft. Sie taten dies in Kenntnis auch der Tatsache, dass sie damit acht Mitarbeiter der Akademie in die Arbeitslosigkeit entlassen würden. Die Dinge nahmen ihren Lauf. Im August beschlossen Bund und Land die Einstellung jeglicher weiterer Förderung. Die Kündigung der Arbeitsverträge aller Angestellten durch den Träger, die Pommersche Landsmannschaft, folgte umgehend. Am 31. März 2002 wird ihr letzter Arbeitstag sein. Schon jetzt allerdings sind sie zur Untätigkeit verurteilt, da der Akademiebetrieb zum Erliegen gekommen ist.

Die Aufzählung der gescheiterten Versuche, mit der Landsmannschaft zu einer Einigung zu kommen, bedarf noch einer Ergänzung. Er ging von Mitgliedern der Landsmannschaft selbst aus. Am 16. September trat in Travemünde die Pommersche Abgeordnetenversammlung zusammen, also die Instanz, die richtungweisend für die Politik der Landsmannschaft ist, die Instanz, die im Jahre 1991 in feierlicher Form das “Statut der Ostsee-Akademie”, die Richtlinien für die Arbeit der Bildungsstätte, beschlossen hatte. Der vor einem Jahr vom Amt des Sprechers zurückgetretene Müller-Michaelis beabsichtigte, den amtierenden Vorstand zur Rechenschaft zu ziehen, zu einer Änderung seiner Haltung zu veranlassen bzw. seine Ablösung zu bewirken. Auch er scheiterte. Aus formalen, kaum nachvollziehbaren Gründen (wegen angeblich nicht gezahlter Beiträge und dem damit verbundenem Erlöschen der Mitgliedschaft) wurde ihm das Wort entzogen. Ein anderer Abgeordneter, der in gleicher Absicht die Weiterführung der Akademiearbeit mit neuen Trägern forderte, zudem den früheren Akademieleiter verteidigte, stieß gleichermaßen auf Ablehnung. Sein Antrag, der Vorstand möge zurücktreten, wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Die letzte Chance, die Fortführung der Arbeit der Ostsee-Akademie im Pommern-Zentrum in Travemünde zu realisieren, war damit vertan.

Man fragt sich, welches das eigentliche Ziel ist, das die Führung der Landsmannschaft und der offenkundig hinter ihr stehende Pommersche Vertriebenenverband, zumindest in der Mehrheit der Abgeordnetenversammlung, anstreben. Und man muss sich fragen, was diese Vereinigung berechtigt, Besitzansprüche geltend zu machen für eine Einrichtung, die mit eindeutiger Zweckbestimmung und fast ausschließlich mit öffentlichen Geldern errichtet worden ist.

Der Verdacht drängt sich auf, dass der geschilderte Weg konsequent in der Absicht verfolgt wurde, sich in den Besitz der Immobilie zu bringen, um ungestört von äußerer Einflussnahme verbands- und vertriebenenpolitische Interessen durchsetzen, vielleicht aber auch, um zu gegebener Zeit den Millionenbesitz gewinnbringend veräußern zu können.

Formal-juristisch, so jedenfalls die bisher bekannt gewordenen Einschätzungen, scheint es so zu sein, dass die Landsmannschaft das Recht auf ihrer Seite hat. Weder ist seinerzeit eine grundbuchliche Absicherung der Immobilie zu Gunsten der Geldgeber erfolgt, noch gibt es rechtsverbindliche, einklagbare Richtlinien für die Arbeit der Akademie. Zumindest hier sind allerdings Zweifel angebracht. Im Statut der Ostsee-Akademie, am 22. Juni 1991 in feierlicher Form von der Pommerschen Abgeordnetenversammlung beschlossen, heißt es:

“Die Ostsee-Akademie ist als ein europäisches Denk- und Diskussionsforum, der Freiheit verpflichtet, dafür bestimmt, dem Recht auf Selbstbestimmung des deutschen Volkes und der anderen europäischen Nationen zu dienen und im Geist der “Pariser Charta für ein neues Europa” vom 21. November 1990 jedes Bemühen von einzelnen Bevölkerungsgruppen und Völkern um eine auf die uneingeschränkte Ausübung der Menschenrechte und Grundfreiheiten gegründete demokratische Ordnung aller Länder Europas zu unterstützen.

Kaum eine Veranstaltung im Sinne dieses Statuts hat im Jahre 2001 stattgefunden, weitere wird es an der Ostsee-Akademie nicht geben - jedenfalls nicht unter der jetzigen Trägerschaft. Das, was die Pommersche Landsmannschaft einst auszeichnete, als Organisation von Heimatvertriebenen Zeichen zu setzen für einen Neubeginn im Verhältnis zu den Ländern im Ostseeraum, zu Polen und den baltischen Staaten, zu den Ländern im Osten und Südosten Europas, gilt nicht mehr, gehört der Vergangenheit an. Die Ostsee-Akademie, gedacht als europäisches Denk- und Diskussionsforum und über zehn Jahre lang beispielhaft realisiert durch das gemeinsame Wirken von Verband und Akademie, wurde reduziert auf die Tagungsstätte einer Vertriebenenorganisation.

Dafür waren die Millionen der Steuerzahler nicht gedacht. Tatsache aber ist, dass die Pommersche Landsmannschaft als alleinige Besitzerin und Verwalterin der Immobilie in Travemünde auftritt, über Konferenzsäle, Seminarräume, Bibliothek und technische Ausstattung (von der nicht unerhebliche Teile aus Schenkungen des Fördervereins stammen) verfügt, überdies den Namen “Ostseeakademie” für sich beansprucht. Eine unglaubliche Geschichte, über die das letzte Wort nicht gesprochen sein darf.


Verheißungsvoller Neubeginn - Gesicherte Zukunft?

Nach dem Scheitern aller Einigungsbestrebungen mit den staatlichen Institutionen hatte auch der Förderverein der Ostsee-Akademie, wichtigster Mäzen der Einrichtung in Travemünde, einen eindringlichen Appell an die Delegierten der Abgeordnetenversammlung gerichtet, den Empfehlungen des Kuratoriums der Akademie und des Landtages zu folgen und gleichzeitig angekündigt, dass er andernfalls eine neue Trägerschaft für eine neue Ostseeakademie mit Sitz in Lübeck bilden werde. Zu entsprechenden Vorgesprächen hatten sich auf seine Initiative hin am 20. August Vertreter von Land, Bund, der Stadt Lübeck und weiterer Organisationen, unter ihnen die Deutsche Auslandsgesellschaft, zusammengefunden. Ihre gemeinsame Zielsetzung:
- Fortführung der Arbeit der Akademie auf der Grundlage ihres geltenden Statuts,
- Übertragung der bisherigen Förderung durch Bund und Land auf die neue Akademie,
- Übernahme der Mitarbeiter der Ostsee-Akademie,
- Wiedereinsetzung des Leiters, Dietmar Albrecht.

Die Versammlung war sich einig, alles in die Wege zu leiten, um noch im laufenden Jahr die Arbeit der Ostseeakademie wiederaufnehmen zu können.

Am 24. September, eine Woche nach dem Treffen der Pommerschen Abgeordnetenverammlung, fand in Lübeck die Gründungsveranstaltung der neuen Ostsee-Akademie statt. Sie gab sich den Namen “Academia Baltica - Baltic Academy - Akademie im Ostseeraum”. Auf die zunächst favorisierte Bezeichnung “Neue Ostsee-Akademie” wurde aus den bereits genannten rechtlichen Gründen verzichtet.

Es war ein verheißungsvoller Auftakt, sieht man allein die Vielzahl der Gründungsmitglieder, die sich engagierten, um die Fortsetzung der Arbeit der Ostsee-Akademie zu ermöglichen: Das Adalbertus-Werk / Bildungswerk der Danziger Katholiken, die Deutsch-Baltische Landsmannschaft, die Deutsch-Polnischen Gesellschaften Kiel, Hamburg und Berlin, die Europa-Union Schleswig-Holstein, der Förderverein der Ostsee-Akademie (inzwischen umbenannt in “Förderverein der Academia Baltica”), das Institute for European Affairs INEA, Düsseldorf, das Thomas-Mann-Kulturzentrum in Nidden sowie aus Lübeck die Fachhochschule und die Deutsche Auslandsgesellschaft. Auch Vertreter des Landes, des Bundes und der Hansestadt Lübeck waren präsent, signalisierten Unterstützung.

Zum Vorsitzenden des Vereins wurde Dr. Herbert Gienow gewählt, der auch an der Spitze des Fördervereins steht und dem die Initiative zur Gründung der neuen Akademie zu verdanken ist, zum geschäftsführenden Direktor Dr. Dietmar Albrecht: ein eindeutiger Vertrauensbeweis für den von der Pommerschen Landsmannschaft entlassenen ehemaligen Leiter der Ostsee-Akademie. Die Führung der neuen Einrichtung liegt also in anerkannt-bewährten Händen.

In der Zwischenzeit sind weitere Weichenstellungen erfolgt. Die Programmplanungen für das laufende und das Jahr 2002 liegen vor, ebenso die jeweiligen Wirtschaftspläne. Die Haushaltsausschüsse des Landes und des Bundes haben getagt und die Umwidmung der finanziellen Unterstützung zugunsten der Academia Baltica empfohlen. Zu hoffen ist, dass die endgültige Beschlussfassung erneut auch die institutionelle Förderung einschließen wird, hängt davon doch wesentlich die Beschäftigung der gekündigten Mitarbeiter der Ostsee-Akademie ab.

Einführen wird sich die Academia Baltica mit einem Symposium, das einem Bürger und Ehrenbürger Lübecks gewidmet ist, dem Mann, dessen Name für eine neue Ostpolitik, für Aussöhnung und Verständigung steht, der dafür vor 30 Jahren, im Dezember 1971, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde: Willy Brandt. Höhepunkt der Veranstaltung unter dem Thema “Erbe und Zukunft. Die Deutschen und ihre Nachbarn im Osten” wird die in diesem Rahmen stattfindende offizielle Gründungsfeier am 3. Dezember im Bürgerschaftssaal des Lübecker Rathauses mit Prof. Dr. Arnulf Baring, Berlin.

Seit dem 1. November hat die “Academia Baltica” ihren Sitz in der Mengstraße, in der Nachbarschaft von Thomas und Heinrich Mann, in einem Haus, das hanseatische Tradition ausstrahlt, Geschichte dokumentiert. Ein Haus in der Stadt, in der zwei Nobelpreisträger aufwuchsen, ihre Prägung erfuhren, in der ein weiterer sich niederließ, Günter Grass, mit Wurzeln in einer anderen Hansestadt, weiter im Osten, in Danzig, gegründet nach lübischem Recht.

Die “geistige Lebensform”, von der einst Thomas Mann sprach, vereint alle drei in einer europäischen Dimension. “Ein guter Deutscher weiß”, so formulierte der Lübecker Willy Brandt 1971 in Oslo bei der Verleihung des Friedensnobelpreises, “dass er sich einer europäischen Bestimmung nicht versagen kann. Durch Europa kehrt Deutschland heim zu sich selbst und den aufbauenden Kräften seiner Geschichte. Unser Europa, aus der Erfahrung von Leiden und Scheitern geboren, ist der bindende Auftrag der Vernunft.”

Jürgen Zschiesche