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Störungen zwischen Deutschen und Polen

Lübecker Nachrichten 15.12.04

Lübeck - Die Polen wissen manches über Deutschland, was wir nicht wissen. Wer, zum Beispiel, ist. Rudi Pawelka? Nur wenige hier zu Lande können sofort sagen, dass es sich um den Chef der „Preußischen Treuhand" handelt, die von Polen Entschädigung für die Vertreibung fordert. In Polen dagegen ist Pawelka so bekannt wie der böse Wolf. Seine Forderungen haben eine der schwersten Kontroversen in den jüngeren deutsch-polnischen Beziehungen ausgelöst. Diese Kontroversen waren Thema einer Tagung in der Academia Baltica.

Die .Asymmetrie ist ein Grundmotiv der deutsch-polnischen Beziehungen. Mehrere Referenten bezogen sich auf eine Umfrage, nach der die Polen die unbeliebtesten Nachbarn der Deutschen sind - während die Deutschen im Ansehen der Polen im Mittelfeld liegen. „Unser Hauptproblem", sagte die Publizistin Helga Hirsch, "ist, dass die Polen uns gleichgültig sind."

Wir Deutsche aber sind den Polen nicht gleichgültig - und sei es, weil sie Angst vor uns haben. Die Preußische Treuhand, die hier zu Lande nur als Ärgernis am Rande gilt, bewog in Polen das nationale Parlament, einstimmig Kriegsreparationen von Deutschland zu fordern. Ein weiteres Beispiel ist das Projekt eines „Zentrums gegen Vertreibungen" in Berlin, das der Bund der Vertriebenen mit .viel prominenter  Unterstützung plant - und das in Polen auf breite Ablehnung stößt. Helga Hirsch verteidigte .ihre Unterstützung mit dem Argument, man dürfe das Thema nicht der politischen Rechten überlassen.

Nach Angaben von Witold Krzesinski, ehemals polnischer Konsul in Hamburg, sind die Polen in ihrer großen Mehrheit nicht dagegen, das Leid der Deutschen in und nach dem Krieg anzuerkennen. Sie selbst aber sähen sich als Opfer der grausamen deutschen Besatzung nicht ernst genommen.

„Es ist demütigend, wenn man dafür kämpfen muss, dass polnische Opfer Erwähnung finden." In dem geplanten Zentrum gegen Vertreibungen sähen sie den Versuch, die Geschichte auf den Kopf zu stellen - und eine politische Grundlage für Eigentumsforderungen zu schaffen.

Die Polen sollten endlich ihre „phantasierten Ängste" ablegen, forderte Helga Hirsch. Die Deutschen aber, hielt Dietmar Albrecht, Gründungsleiter der Academia Baltica, dagegen, hätten einen „großen Nachholbedarf an Empathie".