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Botschafter gen Ost

Frankfurter Allgemeine Zeitung 22.1.04

Dietmar Albrechts Drang nach Osten ist unstillbar; auch vorübergehende, studienbedingte Aufenthalte in so westlichen Städten wie Freiburg im Breisgau oder Stanford in Kalifornien konnten seine Sehnsucht kaum lindern. Das hängt auch mit seiner Biographie zusammen. Als kleines Kind des Jahrgangs 1941 wuchs er im oberschlesischen Neiße auf. Albrechts Familie wurde vertrieben und verschlug es ins niedersächsische Nordhorn. Von dem Geld, das er sich durch eine zweijährige Bundeswehrzeit verdient hatte, bereiste der Student 1964 für mehrere Monate Mittel- und Osteuropa. Seine Neugier trieb 1970 den Diplompolitologen aber noch weiter nach Osten: Er zog nach Hongkong, wo ihn die Nichte des letzten chinesischen Kaisers in Privatstunden ein derart akzentfreies Chinesisch lehrte, daß seine späteren chinesischen Gesprächspartner staunten. Zwischen 1970 und 1989 verbrachte er zusammengerechnet mehrere Jahre in China. Seine 1971 begonnenen Lehrveranstaltungen über die Chinesische Kulturrevolution und die Roten Garden an der Freien Universität in Berlin zogen zumindest das Umfeld der „Rote-Armee-Fraktion” an. Die unabhängige Liberalität des Assistenten überzeugte allerdings solche Kreise nicht: Nach einer geglückten Revolution, so sagte man ihm ins Gesicht, werde er an der nächsten Laterne aufgehängt.

Nachdem er 1976 in Sinologie promoviert wurde, arbeitete Albrecht bis 1991 als Studienleiter an der Akademie Sankelmark bei Flensburg und knüpfte hier noch zu Hochzeiten des Kalten Kriegs durch Tagungen und Exkursionen ein rißfestes Netzwerk mit Eliten wie Dissidenten aus Mittel- und Osteuropa. So wurde er aufmerksam, als schon 1984 der offizielle außenpolitische Kreml-Berater Wjatscheslaw Daschitschew in Sankelmark den damals unglaublichen Gedanken durchspielte, die Sowjetunion könne Mitteleuropa preisgeben. 1991 berief ihn die „Pommersche Landsmannschaft” zum Leiter ihrer Travemünder „Ostsee-Akademie”. Hier vermittelte er unermüdlich - nicht nur zwischen Deutschen und ihren östlichen Nachbarn, sondern er half auch letzteren bei deren Konflikten untereinander. Beispielsweise inspirierte er das liberale litauische Minderheitenrecht, das dort die russischen und polnischen Bevölkerungsgruppen gleichberechtigt leben läßt.

„In den wunden Territorien unseres Jahrhunderts” sei, so Albrecht 1998, „das Gedächtnis von Zeit und Raum” neu zu entdecken. Hier hilft und heilt die Dichtung. „Verlorene Zeit - Gerhart Hauptmann” heißt eines seiner Bücher. Seine ins Litauische, Polnische und Russische übersetzte Studie „Wege nach Sarmatien - Zehn Tage Preußenland” atmet den Geist Johannes Bobrowskis, des dichterischenVermittlers zwischen Deutschen und Slawen. Zusammen mit dem Verleger Klaus Wagenbach gründete Albrecht denn auch 2000 die „Johannes-Bobrowski-Gesellschaft”, als deren stellvertretender Vorsitzender er fungiert. Zur selben Zeit entließ die Landsmannschaft ihren Akademieleiter, worauf er alsbald Gründungsdirektor der Lübecker „Academia Baltica” wurde. Deren Leitung legt er nun in jüngere Hände. Unwahrscheinlich aber, daß es jetzt  still um diesen Grenzgänger wird.
MARTIN THOEMMES