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Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2010

Lübeckische Blätter 11 / 22.05.04

Lübeck - eine Stadt mit vielen Facetten

Die Lübeckischen Blätter wollen in den zukünftigen Ausgaben aufmerksam machen auf Lübecks Schätze, die dazu beitragen, dass Lübeck eine zukunftsorientierte Kulturstadt ist. Es sind aber die Schätze gemeint, die sich dem Besucher oder sogar den Lübeckern selbst nicht auf den ersten Blick offenbaren, sondern ihre Besonderheit im Verborgenen hüten. Dabei handelt es sich genauso um Sammlungen oder besondere Räume wie auch um die Natur in und um die Stadt und den Sport oder besondere soziale, wirtschaftliche oder kulturelle Lübecker Einrichtungen. Es soll gezeigt werden, was unsere Stadt außer den sieben Türmen, dem Hansegedanken und den bekannten Attraktionen noch ausmacht.

Die „Academia Baltica" im Hoghehus

Von Martin Thoemmes

Es ist vielleicht der militärisch geprägten Weltsicht unserer Vater- und Großvater-Generation geschuldet, dass ein berühmtes Fragment des Vorsokratikers Heraklit im Deutschen zumeist so zitiert wird: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge." Das griechische Wort „polemos" meint aber allenfalls in einer Nebenbedeutung den Krieg. Hauptsächlich sind „Streit" und „Auseinandersetzung" gemeint, was noch in der deutschen „Polemik" aufscheint.

Ein scharfer Streit innerhalb der Pommerschen Landsmannschaft um die Ausrichtung ihrer „Ostsee-Akademie" führte schließlich zur öffentlich heftig diskutierten Kündigung des international renommierten Akademieleiters Dietmar Albrecht, die auch in einer ganzen Serie dieser Zeitschrift im Frühsommer des Jahres 2001 dokumentiert wurde. Über Details dieses Streites muss also nicht mehr berichtet werden. Bemerkenswert ist nur:

Der Streit war der Vater einer neuen Akademie, nämlich der „Academia Baltica", die unter prominenter Beteiligung im Dezember 2001 im Bürgerschaftsaal des Lübecker Rathauses gegründet wurde.

Gründungsleiter der Akademie war Dietmar Albrecht. So setzte die „Academia Baltica", nicht im juristisch-formalen Sinne, jedoch inhaltlich, die Arbeit der damaligen „Ostsee-Akademie" fort. Die „Academia Baltica" ist, wie einstmals die „Ostsee-Akademie", eine in Deutschland fast einzigartige Institution: Zahlreiche Tagungen, Konferenzen und Exkursionen verbinden Deutsche mit Osteuropäern und Anrainern der Ostsee. Sie bringt deutsche Vertriebene mit Opfern des deutschen Eroberungskrieges ins Gespräch und versöhnt nicht selten, wo einst das Ressentiment herrschte und heute noch herrscht. Sie betreibt das Gespräch mit Politikern, Diplomaten und Historikern und doch ist es ihr ein zentrales Anliegen, an der Basis einst einander bekämpfender Völker Vertrauen zu schaffen. Und sie sorgt sich mit Erfolg darum, dass osteuropäische Völker nach dem Zusammenbruch des kommunistischem Sowjetreiches miteinander ins Gespräch kommen. Dass eine deutsche Institution nach den grauenhaften Erfahrungen der Osteuropäer mit den Deutschen bis 1945 seit einigen Jahren dazu legitimiert ist, stellt ein immer noch nicht hinreichend gewürdigtes Verdienst dar. Dabei ist die „Academia Baltica" inzwischen ein Unikum in der neuen Berater- und Abzockergesellschaft oder auch schon die Avantgarde eines vielleicht neuen Denkens: Mittlerweile beschäftigt sie einschließlich des kürzlich eingesetzten jungen und engagierten Akademieleiters Christian Pletzing nur noch drei feste Angestellte mit allerdings vielen freien Mitarbeitern aus Deutschland und Mittel-Osteuropa und bewältigt mit Idealismus ein Programm, das in seinem Umfang erstaunt. Der Bund unterstützt Projekte, fühlt sich für die Personalkosten aber nicht mehr verantwortlich, das Land zahlt eine gediegene aber aus Haushaltsgründen übersichtliche regelmäßig eintreffende Summe. Viel muss die Akademie durch eigene - teilweise ehrenamtliche - Arbeit, Spenden, und Teilnehmerbeiträgen aufbringen. Sie hat dabei aber häufig die Tagungskosten von Teilnehmern aus Osteuropa aufzubringen.

Getragen wird die Akademie von dem Verein „Academia Baltica e.V.", dem Bürger innerhalb und außerhalb Deutschlands, Vertreter der demokratischen Parteien und einstige Repräsentanten der Pommerschen Landsmannschaft angehören.

Anfangs zog die neue Akademie in die Mengstraße, die einst die Vorfahren zweier mit dem Nobelpreis geehrten Lübecker beherbergte: Hier wohnten die Großeltern Thomas Manns und für eineinhalb Jahre der leibliche Vater Willy Brandts. Für das europäische Bewusstsein Thomas Manns und Willy Brandts steht auch die „Academia Baltica". Sie sorgt im Sinne Willy Brandts dafür, dass zusammenkommt, was zusammengehört. Seit dem letzten November residiert die „Academia Baltica" außerordentlich repräsentativ im „Hoghehus" am Koberg. Diese ungewöhnliche Akademie europäischen Ranges wird in Lübeck geschätzt, aber immer noch nicht richtig eingeschätzt. Bei ihrer Bewerbung um den Rang einer „Europäischen Kulturhauptstadt" könnte die Stadt künftig noch viel stärker mit der in ihr beheimateten Akademie werben. Die Bewerbung Lübecks und die Arbeit der „Academia Baltica" vereinen sich eigentlich in einer von Dietmar Albrecht gerne zitierten Maxime Saint-Exuperys: „Wenn du ein Schiff bauen willst", so der französische Autor, „begnüge dich nicht, Leinen zu weben, Nägel zu schmieden, Sterne zu lesen, vielmehr wecke die Sehnsucht nach dem Meer."