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Interview mit Dietmar Albrecht, Leiter der Academia Baltica „Wozu ein Zentrum gegen Vertreibungen?“

Lübecker Nachrichten 28. September 2003

Danzig - Dietmar Albrecht (61), Leiter der Academia Baltica in Lübeck, ist gestern für seine Verdienste um Hinterpommem mit dem Bernard-Chrzanowski-Preis der Kaschubisch-Pommerschen Gesellschaft in Danzig ausgezeichnet worden. Zu den bisherigen Preisträgern gehört auch Günter Grass. Im LN-Gespräch äußert sich Albrecht kritisch über die deutschen Vertriebenen-Verbände.

Lübecker Nachrichten: Wie kommt ein gebürtiger Schlesier dazu, sich mit den Kaschuben zu beschäftigen?
Dietmar Albrecht: Die Kaschuben sind ein Völkchen, das weitgehend dort hat bleiben können, wo es verwurzelt ist und wirkt deshalb wie ein Art solider Stock zwischen Pommern und Ostpreußen, wo die Menschen ausgewechselt wurden. Allerdings haben die Kaschuben sehr unter Hitlerdeutschland gelitten.

LN: Was ist falsch gelaufen zwischen  Deutschen und Polen, dass die polnische Zeitschrift „ Wprost" eine Karikatur der Vertriebenen-Vorsitzenden Erika Steinbach in Nazi-Uniform auf Gerhard Schröders Schultern zeigt?
Albrecht: Dieses Titelbild ist eine Ge­schmacklosigkeit ohnegleichen und ist ja auch von der polnischen Regierung so bezeichnet worden. Die Ursachen dieser Geschmacklosigkeit halte ich allerdings für bedenklich: die auf deutscher Seite hochgespielte Forderung nach einem Zentrum gegen Vertreibungen.

LN: Warum kommt diese Forderung gerade jetzt?
Albrecht: Der Anlass ist die Hoffnung von Funktionären der organisierten Vertriebenen, das Schwinden ihrer Bedeutung noch einmal zu bremsen.

LN:Wie erklären Sie sich dann, dass angesehene Leute wie der SPD-Politiker Peter Glotz oder der Historiker Arnulf Baring die Idee unterstützen?
Albrecht: Das ist mir ein Rätsel. Vielleicht sind sie zu gutwillig und haben nicht genug Einblick in die internen Zirkel der organisierten Vertriebenen, die zum Teil noch nicht einmal die völkerrechtlich verbindlichen Staatsgrenzen anerkennen.

LN: Stimmt es denn nicht, dass die Vertreibung in den intellektuellen Eliten Deutschlands lange Zeit ein ungeliebtes Thema war?
Albrecht: Doch. Aber seit zehn, fünfzehn Jahren ist das korrigiert. Die Millionen, die für ein zentrales Zentrum gegen Vertreibungen ausgegeben werden sollen, sind viel besser ausgegeben für Begegnungen und Dokumentationen, die es an vielen verschiedenen Orten schon gibt.

LN: Können die Landsmannschaften denn in der Beschäftigung mit dem Thema Vertreibung noch eine sinnvolle Rolle spielen?
Albrecht: Die großen Landes- und Bundesverbände haben ihre Rolle ausgespielt. Aber die Heimatkreise können im direkten Kontakt überall dort, wo einmal Deutsche gelebt haben, noch einiges tun. Das sind aber gerade nicht die Gruppen, die so laut den Mund aufmachen.
Interview: Hanno Kabel