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Verständigung statt Nostalgie

Lübecker Nachrichten 30.12.03

Christian Pletzing ist der neue Leiter der Academia Baltica

von HANNO KABEL

Lübeck - Christian Pletzing (34) übernimmt im neuen Jahr die Leitung der Academia Baltica in Lübeck. Damit führt erstmals ein Historiker die Geschäfte, der nicht der so genannten Erlebnis-Generation von Krieg und Vertreibung angehört. Pletzing ist Nachfolger von Dietmar Albrecht.

Er kam im Jahr 2000 als stellvertretender Leiter zur Ostsee-Akademie, aus der die Academia Baltica Ende 2001 hervorging, Sie bietet Seminare und Reisen zu Themen an, die Deutschland und seine östlichen Nachbarn betreffen. Im vergangenen Jahr waren es 33 Veranstaltungen mit 1500 Teilnehmern, davon ein Drittel aus Osteuropa. Sie erhielt im vergangenen Jahr 129 000 Euro vom Land Schleswig-Holstein und 240 000 Euro vom Bund für einzelne Projekte.

Seine Doktorarbeit hat Pletzing an der Berliner Humboldt-Universität über die Entwicklung der nationalen Identitäten in West- und Ostpreußen im 19, Jahrhundert  geschrieben. „Es geht jetzt darum, die klassischen Themenfelder neu zu besetzen", sagt Pletzing. „Viele bringen die Beschäftigung mit Ostpreußen oder Schlesien vor allem mit nostalgischer Rückschau in Verbindung. Die Distanz eines jüngeren Menschen eröffnet neue Sichtweisen."

Entschieden stellt Pletzing sich gegen die Erinnerungspolitik der Vertriebenenverbände. Die Geburt der Academia Baltica aus der Ostsee-Akademie war von heftigem politischem Streit mit der damaligen Trägerin, der Pommerschen Landsmannschaft, geprägt. Das Projekt des Bundes der Vertriebenen, in eigener Regie in Berlin ein „Zentrum gegen Vertreibungen" zu gründen, hält Pletzing für „kontraproduktiv". „Die Vertreibung der Deutschen ist unter polnischen Historikern seit Jahren geradezu ein Modethema. Aber jetzt distanzieren sich dort selbst Publizisten, die sich immer für die Verständigung mit den Deutschen eingesetzt haben, davon."

Diese Verschlechterung des Verhältnisses kommt ausgerechnet wenige Monate vor der Osterweiterung der EU. „Wir müssen in unserer Arbeit neue Schwerpunkte setzen: Die Länder, mit denen wir uns hauptsächlich beschäftigen, rücken näher."