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Nachhaltige Nachbarschaft. Die Academia Baltica in Lübeck

Nordost-Archiv, Zeitschrift für Regionalgeschichte, Neue Folge Band XI/2002 (erschienen November 2003), S. 237-244:

Im Dezember 2003 blickt die Academia Baltica auf die ersten zwei Jahre ihrer Arbeit im Netzwerk der Völker und Staaten Ostmitteleuropas und des Ostseeraumes. Ihre Übersiedlung im November 2003 von den heimeligen Räumen des Kaufmannshauses in der Lübecker Mengstraße, wenige Schritte nur vom Hause der Buddenbrooks, in das repräsentativ-weltläufige „Hoghehus“ am Koberg symbolisiert den Erfolg des Neubeginns. Seit dem 13. Jahrhundert steht dieses Hoghehus für lübischen Wagemut.

Wie aus These und Antithese des Konflikts um die Travemünder Ostsee-Akademie die Synthese dieser Academia Baltica wuchs und wächst, demonstriert ein Stück europäischer Civitas. Einsicht in die Dialektik der Geschichte ist eine Sache, sie als Objekt zu erleben eine andere und gern zu missende. So wurden Solidarität, Hilfe und Unterstützung unter Bürgern und ihren gewählten Vertretern in Deutschland und unter den Nachbarn der Deutschen im Osten und im Norden zu einem bürgerschaftlichen Kapital, auf das die Academia Baltica bauen kann.

Das Logo der Akademie zeigt ein geflügeltes Ross über dem Schriftzug „Ad astra volandum“ – „Auf zu den Sternen“. Das geflügelte Wunderpferd Pegasus war dem Rumpf der Medusa entsprungen, als Perseus ihr das Haupt abschlug. Des Pegasus Hufschlag öffnete auf dem Helikon die Quelle der Musen. Aufgestiegen zu den Sternen, trug Pegasus dem Zeus Blitz und Donner.

Ihr Logo hat die Akademie dem Titelblatt der „Continuatio“ zum Simplicissimus Teutsch des Christoffel von Grimmelshausen entnommen, gedruckt bei Johann Fillion in Mompelgart im Jahre 1669.1 Während damals Europas Mitte verwüstet in den Wunden des Dreißigjährigen Krieges lag, strebte jener Simplicissimus Teutsch auf zu den Sternen.

Den gleichen Sternenhimmel hatte Polens Außenminister Władysław Bartoszewski in seiner Rede zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse des Jahres 2000 im Sinn. Er zitierte den Ungarn Georg Lukács: „Selig sind die Zeiten, für die der Sternenhimmel die Landkarte der gangbaren und zu gehenden Wege ist und deren Wege das Licht der Sterne erhellt.”2 Lukács, jung noch und idealistisch, hatte im Winter 1914/15 eine vergangene, unzerstörte Welt beschworen. Bartoszewski wies, ungebrochen wie jener Simplicissimus Teutsch, die Landkarte einer Zukunft, die den Europäern offen stehe.

Mit dem Logo des Pegasus und den Sternenhimmeln von Lukács und Bartoszewski stellt die Academia Baltica sich zu jenen, denen Europa am Herzen liegt. Wie Thomas Mann in seiner Rede zur 700-Jahr-Feier Lübecks im Jahr 1926 widerstrebt die Akademie einem Nationalismus, „der eine Weltlage zu begreifen sich weigert, welche eine neue Solidarität der Völker Europas gebieterisch und jedem verständigen Sinn erkennbar fordert“.3

Mit ihrem Einzug in Lübecks Altstadt will die Academia Baltica ihr Teil dazu tun, dass die Bürgergesellschaft an Leben gewinne, eine Gesellschaft bürgerlich nicht im Parteijargon, sondern – mit den Worten Thomas Manns in jener Rede zu Lübeck als geistiger Lebensform – „Bürgerlichkeit größten Stils, Weltbürgerlichkeit, Weltmitte, Weltgewissen, Weltbesonnenheit, welche sich nicht hinreißen lässt und die Idee der Humanität, der Menschlichkeit, des Menschen und seiner Bildung nach rechts und links gegen alle Extremismen kritisch behauptet“.4

Einem weiteren Lübecker weiß die Akademie sich verbunden, der in der Armut und am Rande der Hansestadt aufwuchs. Auch er, das zeigen Leben und Werk, hatte solches Bürgertum hinter den Ohren: Standhaftigkeit, die die Freiheit selber ist, Abenteuer des versuchenden Gedankens, Wagemut zur sprengenden Tat, unfähig zur Renitenz gegen das sich verjüngende Leben – Freibriefe, die der Bürger sich selber schreibt.

Ein schwerer Abschied sei es nicht gewesen, den er an einem der ersten Apriltage des Jahres 1933 von Lübeck genommen habe. Er habe weggemusst, wenn er nicht Leib und Seele riskieren wollte, und den Blick nach draußen wenden müssen. „Fünfeinhalb Jahre waren vergangen, als ich im Oktober 1938 in Paris, wenige Tage nach dem Münchner Abkommen, Heinrich Mann vorgestellt wurde. Ich wohnte in Oslo, hatte Berlin erlebt und in Spanien erfahren, wie Freiheit von außen erdrückt und von innen zerstört werden kann, und ward nun von Wehmut erfasst, die das Abschiednehmen so schwer macht. ‚Die sieben Türme‘, so sagte, mit Tränen in den Augen und Trauer in der Stimme, Heinrich Mann, 67 Jahre alt, zu dem jungen Lübecker Landsmann, der noch nicht einmal 25 war, ‚werden wir wohl nie mehr wiedersehen.‘ In jenem Augenblick, der mir unvergesslich blieb, ist mir die Stadt mit den sieben Türmen neu ans Herz gewachsen. Das Gefühl, dass das Lübeck der Senatorensöhne Mann das meine nicht gewesen war, versank, ohne das ich es hätte vergessen können.“5

Dies schrieb Willy Brandt, Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger, der vor 30 Jahren die Würde eines Ehrenbürgers der Hansestadt Lübeck entgegennahm. Kindheit und Jugend in Lübeck, Vertreibung aus der Heimatstadt und Exil im Norden, Heimkehr und Aufbau eines demokratischen, sozialen und geeinten Deutschland in einem Europa gleicher Lebensform – dies sind Stationen in Leben und Werk Willy Brandts, die Richtschnur sind auch für die Arbeit der Academia Baltica.

Brandts früher Versuch, die seinerzeitige Bundesrepublik Deutschland über den Status quo des Kalten Krieges nach Osten zu öffnen, leitete auch die erste internationale Begegnung der Academia Baltica. Als „Willy-Brandt-Symposium“ versammelte sie Vertreter aus Wissenschaft, Kultur und Politik der nordischen und der baltischen Staaten, Russlands, Polens, Tschechiens, der Slowakei, der Ukraine, Ungarns und Deutschlands. Die zum Auftakt der Akademie angereisten Repräsentanten aller dieser Länder sind es, die nachhaltig neue Nachbarschaft in der Mitte Europas begründen.

Geistige und politische Lebensform gründen auf Landschaft, Sprache, Architektur und Geschichte. Sie verbinden sich zum Gedächtnis in Zeit und Raum, einem Gedächtnis, das weder Krieg noch Flucht, weder Vertreibung noch Umsiedlung zerstören können.

Denn einen Ort kennen heißt seine Vergangenheit kennen. Jeder Bewohner einer Stadt, einer Landschaft ist der materiellen und geistigen Kultur ausgesetzt, die seinem Gebiet innewohnt, und er wird von ihr geprägt. Erst wenn die Menschen, wo auch immer, das Gedächtnis ihrer Region mit ihren Biografien verbinden, werden sie Wurzeln schlagen, sich niederlassen, sich sicher und zu Hause fühlen und Heimat begründen.

Wenn so die Menschen ihre Welt und Umwelt selbst gestalten und Demokratie vor Ort aufbauen, werden sie zu einer Gesellschaft von Bürgern wachsen. In den wunden Territorien des  Ostens und des Nordens will die Academia Baltica ihr Teil tun, dass die Menschen zu ihrer je eigenen und besonderen Identität finden – zwischen Tels-Paddern und der Fischermay, zwischen Hiddensee und Agnetendorf, zwischen Karelien und dem Zipserland, zwischen Auschwitz und Brody.

Solches Selbstbewusstsein schafft neue Formen überschaubarer Sicherheit, einer Sicherheit von unten, die weitaus menschlicher ist und preiswerter als alle Sicherheit, die von oben diktiert und durchgesetzt wird.

Dies ist der „Sternenhimmel“, die „Landkarte“ der von der Akademie zu gehenden Wege. Dergleichen Emotion und auch ein wenig Pathos helfen, dass nach den Wunden und Traumata des vergangenen Jahrhunderts Menschen einander begegnen und einander finden – auf Wegen des Gebens und Nehmens zwischen den wohlgegründeten Bürgergesellschaften des Nordens und des Westens und den Gesellschaften des Südens und Ostens, die bürgerliche Individualität und Pluralität erproben. Die Menschen im Gedächtnis ihrer Region zu verwurzeln, schafft die Basis für einen Überbau selbstbewussten Wirtschaftens. Und davon leben wir, mit unseren Ansprüchen, schließlich alle.

Dem Dritten der drei Lübecker Großen danken wir die Figur der Anna Koljaiczek. Unter ihren Röcken begann das Leben, sie bieten Schutz und Geborgenheit. „In Gdańsk schritt ich Danziger Schulwege ab“, erzählt Günter Grass, „sprach ich auf Friedhöfen mit anheimelnden Grabsteinen, saß ich (wie ich als Schüler gesessen hatte) im Lesesaal der Stadtbibliothek und durchblätterte Jahrgänge des ‚Danziger Vorposten‘, roch ich Mottlau und Radaune. In Gdańsk war ich fremd und fand dennoch in Bruchstücken alles wieder ... Und dann stand ich in der Wohnküche meiner kaschubischen Großtante Anna. Erst als ich ihr meinen Paß zeigte, glaubte sie mir: ‚Nu Ginterchen, biss abä groß jeworden.‘ Dort blieb ich einige Zeit und hörte zu.“6

Der Anna Koljaiczek zuzuhören ist der didaktisch und pädagogisch nachhaltigste Weg zu Verständigung und guter Nachbarschaft. Es ist nicht selbstverständlich, in Czernowitz, Lemberg, Krakau, Wilna, Dorpat oder St. Petersburg in die Bahn zu steigen und schlussendlich den Weg zur Lübecker Akademie zu finden. Eine Akademie braucht tiefes Wurzelwerk. Und zu einer Akademie braucht es Mut. Eine Akademie muss Vorhut sein. Sie braucht Mitarbeiter, die selbst denken und selbst handeln. Sie braucht vor allem Bildung, Phantasie, Utopie, Beweglichkeit, Leidenschaft, Lust, Neugier aus Prinzip, Humanitas.

Die Pommersche Landsmannschaft hatte in den vergangenen 80er Jahren ihr Herz weit vorausgeworfen, als sie mit den Geldern des Bundes und des Landes Schleswig-Holstein die Ostsee-Akademie über dem Skandinavienkai in Travemünde als ein Forum des Gesprächs und der Begegnung baute und ihr ein Statut auf den Weg gab, das der Akademie hätte Zukunft sichern können. Dietrich Bonhoeffer, dessen Wirken in Stettin-Finkenwalde zu pommerschem Fundus gehören könnte, hatte in seinen Gefängnisnotaten gemahnt, Wahrheit werde gefunden in freiem Dialog und in brüderlicher Begegnung.

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Es ist der Academia Baltica gelungen, in ihren ersten beiden Jahren die Arbeit der Travemünder Ostsee-Akademie mit neuem Elan fortzusetzen. Ausgehend vom Statut der Ostsee-Akademie formuliert die Satzung der Academia Baltica als vorrangige Aufgaben
−          die geistigen, kulturellen und sozialen Bedingungen für das Zusammenleben der Menschen in Europa zu stärken,
−     bei dem weiteren Aufbau einer freien, marktwirtschaftlich geordneten und sozial verpflichteten Europäischen Union mitzuwirken durch Überwindung von Vorurteilen, durch Verständnis füreinander und Verständigung untereinander und
−     Europas geistige Fundamente in den Bereichen das Glaubens, der Philosophie und der Verantwortung der Menschen füreinander wirksam werden zu lassen.
       Im Dienste dieser Zielsetzung widmet sich die Akademie
−     der Geschichte und Kultur der Heimat- und Siedlungsgebiete der Deutschen im Norden und Osten Europas als ein Beitrag der Deutschen, die diesen Gebieten nach Herkunft und Bewusstsein verbunden sind, zu guter Nachbarschaft,
−     der Geschichte Deutschlands und ihrer Bindung an die Geschichte seiner Nachbarn,
−     der Gemeinsamkeit europäischer Geschichte, Geistesgeschichte und Kultur,
−     der Aussöhnung und Zusammenarbeit insbesondere mit den polnischen und tschechischen Nachbarn,
−     der Verständigung und der Partnerschaft im Netzwerk der Völker und Staaten des Ostseeraumes sowie
−     dem Aufspüren von Wegen zur Verwirklichung dieser Ziele und zur Hilfestellung für Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.7

Die Zahlen der Academia Baltica für die ersten 13 Monate ihrer Arbeit bis zum Ende des Jahres 2002 rechtfertigen die positive Einschätzung ihrer Arbeit. Von den 31 Veranstaltungen seit dem Auftakt der Akademie im Dezember 2001 wurde ein Drittel in den Staaten Ostmitteleuropas durchgeführt, und zwar in Polen, Tschechien, Litauen, Lettland, im Königsberger Gebiet und in der Slowakei. Sämtliche dieser 31 Seminare und Konferenzen waren von Grund auf neu vorzubereitende, neu durchzuführende und oftmals mehrsprachige und simultan übersetzte Unikate.

Von den 1300 Teilnehmern kam mehr als ein Drittel aus den Staaten Ostmitteleuropas, an ihrer Spitze Polen, Tschechen, Litauer, Letten und Esten. Die im Vergleich mit übrigen Bildungseinrichtungen hohe Präsenz ausländischer Teilnehmer, die nur sehr eingeschränkt eigene finanzielle Beiträge leisten können, fordert viel administrative Kraft und besondere Anstrengungen zur Einwerbung öffentlicher und privater Zuwendungen.

Ein Drittel der Kosten der Akademie von 640.000 € bis zum Ende des Jahres 2002 trugen die Teilnehmer selbst, zwei Fünftel zahlte der Bund, ein Fünftel das Land Schleswig-Holstein. Die Personalkosten für die – im Jahr 2002 − vier festen Mitarbeiter der Akademie lagen unter einem Drittel der gesamten Ausgaben.

Mittelpunkte der Akademiearbeit waren und sind deutsch-tschechische Begegnungen mit dem Institut für internationale Studien der Universität Prag, deutsch-polnische Begegnungen mit dem Kaschubischen Institut in Danzig, der Kulturvereinigung „Borussia“ in Allenstein und dem Gerhart-Hauptmann-Haus in Agnetendorf, deutsch-litauische Begegnungen mit dem Thomas-Mann-Kulturzentrum in Nidden, deutsch-russische Begegnungen mit der Vereinigung „Regiomons“ und dem Deutsch-Russischen Haus in Kaliningrad sowie Begegnungen mit Teilnehmern aus Estland und Lettland, dazu in jedem Sommer eine deutsch-tschechisch-polnische Schülerbegegnung und ein Sommerkurs, der Studenten aus neun ostmitteleuropäischen Nachbarländern für zwei Wochen vereint. Die Themen der Akademietagungen reichen von Literatur und Kunst über Regional- und Familienforschung und bi- und multilaterale Colloquia zur jüngeren und jüngsten Geschichte bis zum Baltic Media Forum, das im September 2003 Journalisten aus Hörfunk und Fernsehen des Ostseeraumes zum Austausch und zur Anregung grenzüberschreitender und intraregionaler Koproduktionen versammelt.

Heftig nachgefragt sind die Reisen der Akademie auf den Spuren der Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann, Günter Grass und Thomas Mann nach Hiddensee, Danzig, Königsberg und auf die Kurische Nehrung, auf jüdischen Spuren durch Litauen und Lettland, mit dem Schriftsteller Johannes Bobrowski durchs Memelland und das Königsberger Gebiet, ins preußische Arkadien des Hirschberger Tals oder nach Böhmen, Mähren, ins slowakische Zipserland und ins polnische und ukrainische Galizien.

Die personelle Ausstattung der Akademie beschränkt sich auf das geringstmögliche Maß: Akademieleiter, Studienleiter, Verwaltungsleiter, eine Sekretärin und ein Sachbearbeiter für Finanzen und Informationstechnologie. Der Bund und das Land Schleswig-Holstein unterstützen die Akademie durch ihre Projektförderungen, die im Rahmen der allgemeinen Engpässe zunehmend knapper ausfallen. Sinnvoll wäre eine Verlagerung der Bundesförderung vom Bundesministerium des Innern mit seinem sehr eingeengten Titel zur Verständigungsarbeit der Vertriebenen hin zur Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
 

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Unsere Rückkehr zu den Nachbarn im Osten und Südosten, unser gemeinsames geschichtliches und kulturelles Erbe und die Entwicklung und Sicherung unserer Bürgergesellschaften nachbarschaftlich und nachhaltig in den Köpfen zu verankern braucht unsere Anstrengung auch in den kommenden Jahrzehnten. Es sind dies lohnende und überaus preisgünstige Investitionen in die Zukunft einer uns allen gemeinsamen Welt.

Die Wurzel der Geschichte, so endet Ernst Bloch sein „Prinzip Hoffnung“, geschrieben 1938−1947 in den USA, sei der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. „Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“8

Dietmar Albrecht, Lübeck